Gut gerüstet

Verladung im Halbstunden-Takt – wie Gerolsteiner seine Logistik meistert, auch wenn die Hitze weiter anhält

Die Ruhe ist gespenstisch. Kein Motorengeheul, kein Maschinenknattern, keine Menschenstimmen. Der Betrieb im Kompaktlager von Gerolsteiner Brunnen scheint still zu stehen. Hier stapeln sich mehr als 17.000 Paletten mit gut elf Millionen Einweg-Flaschen. Exakt aufgereiht in sieben Stockwerken. Da ertönt aus der Ferne ein leises Surren, orange Warnlichter blinken – ein Container in Größe einer Garage nähert sich gemächlich. Mit Elektrokraft und ohne Steuermann. „Da kommt unser FTF“, sagt Roland Keul, Leiter Logistik bei Gerolsteiner Brunnen.

FTF – das Kürzel steht für Fahrerloses Transportfahrzeug. Das Gefährt ist einer von Keuls liebsten Helfern: stets zuverlässig und äußerst wartungsarm. Vier FTF sind in dem 2012 in Betrieb genommenen vollautomatischen Hochregallager im Einsatz. Rund um die Uhr schieben sie sich millimetergenau durch die Gassen und sorgen für Nachschub aus dem benachbarten Produktionsgebäude. Leiser und effizienter als jeder Gabelstapler. Und schonender für die Umwelt, auch wenn die modernen Dieselstapler, die z.B. in der Mehrwegverladung bei Gerolsteiner ihre Arbeit verrichten, mit Rußpartikelfiltern und hydrostatischem Antrieb ausgestattet sind. Denn das führerlose Transportsystem benötigt keinen Treibstoff. Und vermeidet damit den CO 2-Ausstoß sowie Lärm- und Feinstaub-Emissionen von fünf Dielstaplern.

In diesen Tagen bleibt Keul und seinen Mitarbeitern kaum Zeit, die Akkus ihrer elektrischen Helfer aufzuladen. Es ist Hochsaison. Mit den Temperaturen ist der Absatz von Mineralwasser in die Höhe geschossen. Hitze macht durstig. Drei Liter und mehr sollen die Menschen trinken wenn es heißt ist, empfehlen Ernährungsberater. Vor allem Mineralwasser. So schießt die Nachfrage nach dem gesunden Durstlöscher in den Sommermonaten regelmäßig nach oben. Juni, Juli, August – in diesen drei Monaten machen die Brunnenbetriebe nach einer Statistik des Verbandes Deutscher Mineralbrunnen (VDM) im Durchschnitt etwa 30 Prozent ihres Jahresgeschäfts.

Seit zwei Wochen füllt Gerolsteiner im Rekordtempo ab. Alle Anlagen laufen rund um die Uhr auf Hochtouren. Wenn das Thermometer aber weiter beharrlich an der 30 Grad-Marke klebt, wird auch das nicht ausreichen. Dann geht’s massiv an die Lagerbestände.

Keul steht im Mehrweg-Lager, direkt an den Ladespuren, wo schwere Sattelauflieger im Takt von 30 Minuten beladen werden. Ohne Pause. Die Beladung der Lkw ist Sache von Spezialisten: Es dauert lange, bis ein Mitarbeiter einen 8-Tonnen-Stapler perfekt beherrscht. Viermal, manchmal auch fünfmal steuern sie ihre Gefährte, voll beladen mit jeweils bis zu sechs Paletten Vollgut, seitwärts an einen LKW, passen kurz an, stellen ab, und schon ist der Laster gefüllt – mit 34 Paletten. Macht 1300 Kisten. Oder 16 000 Flaschen.

Neun solcher Ladespuren gibt es im Mehrweg-Lager von Gerolsteiner, sieben in der Halle, zwei im Freien. Im Kompaktlager, wo ausschließlich Einweg-Gebinde verladen werden, sind es zehn. Das ist eine Menge. Trotzdem herrscht in diesen Tagen Gedränge, wird das Lager zum Nadelöhr zwischen Produktion und Vertrieb. Wir fertigen derzeit in 24 Stunden etwa 300 LKW ab. In anderen Phasen des Jahres sind es nur 180 bis 200“, erläutert Keul. Die Mitarbeiter im Front Office, wie die Anlaufstelle für die Lkw-Fahrer bei Gerolsteiner heißt, spüren den erhöhten Andrang als Erste. Sie registrieren die ankommenden Laster und teilen den Fahrern Ladespuren zu, auf die sie ihre Wagen steuern sollen. Ohne Wartezeiten geht es derzeit nicht – so sehr die Kollegen im Lager ihre roten Großstapler auch durch die Halle jagen und unermüdlich Laster für Laster füllen.

Etwa 1,4 Millionen Paletten werden in jedem Jahr auf dem Betriebsgelände von Gerolsteiner bewegt. 60 Prozent davon holen die Getränkefachgroßhändler selbst ab. Die übrige Menge transportiert zum einen ein von Gerolsteiner beauftragter Leitspediteur. Der Dienstleister setzt stark auf umweltbewusstes Fahren und stellt seinen Fuhrpark kontinuierlich auf Fahrzeuge der Schadstoffklasse Euro-VI um. Zum anderen setzt Gerolsteiner sechs eigene LKW ein, darunter ein gemeinsam mit Fahrzeugherstellern entwickeltes, stark gewichtsreduziertes Testfahrzeug. „Das ist bei hoher Nutzlast verbrauchsarm und umweltschonender als herkömmliche Wagen“, lobt Keul.

Zwischen den Paletten im Lager zeigen sich bereits hier und da kleine Lücken. Große Sorgen bereitet Keul das nicht. Aber er ist sicher: „Wenn die Hitze noch eine Weile anhält, können wir hier Fußball spielen – so sehr wird sich die Halle leeren.“

Ausverkauft sein, nicht liefern können – gibt es das auch? „Wir haben den Anspruch, immer lieferfähig zu sein“, betont der Logistikleiter. Dafür sorge neben der hohen Produktion und dem großen Lager ganz wesentlich die intelligente Distributionslogistik. Vor allem im Kompaktlager mit den Einweg-Gebinden. Die Prozesse dort sind weitgehend automatisiert. Die Ware gelangt rasch und zuverlässig zum Ziel – auch Dank des FTF. Die elektrischen Helfer arbeiten ohne Unterbrechung. Bis der Akku leer ist. Dann schieben sich die Gefährte an die Ladestationen, und weiter geht die Fahrt. Denn die LKW-Fahrer an der Rampe warten schon auf ihre Ware.

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